Andrés

 

 

 

 

 

 

 

von Baden-Baden aus

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

Der Göttlichkeit

des Ewigweiblichen

gewidmet


 

Andrés

 

 

 

von Baden-Baden aus

 

Ein Werdegang

von der Einsamkeit

zu dem AllEinSein.

 

 

 

 

 

 

1. Auflage, Juli 2002.

2. Auflage, Oktober 2002.

3. Auflage, Januar 2004.

4. Auflage, März 2005.bei

        

Hans-Nietsch-Verlag

Freiburg


Seelenzüge  9

Wiederspruch                 11

Postmortemgebet                                13

Rückkehr                                                    14

Gebetsmarathon                                                      15

Renaissance                                                                   17

Gebetsunfall                                                                           19

Anrufung                                                                                21

Augendritt                                                                              23

Wartungsgebet                                                              24

Wallfahrt                                                          25

Erfrierung                                           27

VierDe                                28

Epiloggebet  29

Anlehnungszeit                33

Himmelfahrt                             35

Luftpost                                                     36

Omen                                                                   37

Flußkriech                                                                     38

Begegnung                                                                          40

Prema                                                                                     42

Erscheinung                                                                             43

Umwandlung                                                                   44

Eden                                                                    46

Liebesziehungen                                          47

Treue                             48

Heilmesse     50



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

von der Einsamkeit

eines Mannes...



Seelenzüge

 

 

Wie kann ein Mann ein Mönch werden,

ohne sich dabei zu widersprechen?

 

 

 

 

 

 

 

 

Wenn ich es erlaube, daß diese Zeilen sich dir zeigen,

so ist es deshalb, weil es mir gelingt, Gott in Dir zu schauen,

denn ich weiß, in welche Hände diese Blätter fallen.

 

Bitte bewerte sie nicht mit dem Urteil eines Manns,

der es nicht duldet, einen anderen Mann zu erfahren,

der Gefühle und Schwächen wie eine Frau zeigen kann.

 

Bitte nehme sie nicht mit der Angst eines Mädchens,

das Briefe eines alten Mannes liest, der um sie wirbt.

Nehme sie eher als Auszüge des Tagebuches

eines werdenden Mönches, der weiß, ganz gewiß,

daß niemand außer Gott sie entdecken wird.

Und trotzdem, in Momenten von Schwäche,

zeigt er sie seiner geliebten Seelenschwester,

die im Nonnenkloster lebt, auch alleinig in Gebeten.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Diese Zeilen sind die Züge des Antlitzes

der Gesichter seiner inneren Welten.

Sie sprechen nicht über seinen Körper,

auch nicht über die Irrwege seines Lebens,

eher von dem Lebenslauf seiner Seele.

 

Wenn trotz dieser wahrhaftigen Einleitung

diese Linienzüge dich erschrecken, dann denke daran,

du hattest immer die Wahl, den Brief nicht zu nehmen.

Es war deine eigene Neugier und deine Entscheidung

diesen langen Brief zu öffnen, noch dazu, ihn zu lesen.


Wiederspruch

 

Mein Leben besteht aus Widersprüchen,

denn ich schreibe immer wieder Sprüche

entstanden aus der Bemühung

zu denken so wie ich fühle,

zu sprechen so wie ich denke,

zu handeln so wie ich spreche

und aus dem Scheitern

beim Vollziehen dessen, was ich sagte

beim Sprechen dessen, was ich dachte

beim Denken dessen, was ich fühlte.

 

So eine Grausamkeit des Geistes

ist aus Unwahrhaftigkeit abzuleiten.

Doch im wahren Sinn des Wortes Wahrheit:

„Sathya“ ist ein Gottes-Name

mit vielen verschiedenen Vornamen.

 

Mit meinem eigenen Vornamen,

enthüllt Sathya den Grund meines Scheiterns:

Diese Grausamkeit des Geistes

war entstanden aus der Bemühung

zu denken so wie ich fühlen sollte,

zu sprechen so wie andere denken,

zu handeln so wie ich nicht sprechen wollte.


Postmortemgebet

 

Geliebter Herr,

dieses Leben ist vorüber.

Nun erkenne ich es,

wie einen stürmischen Traum,

den ich im Moment des Erwachens

hinter mir zu Deinen Füßen niederfallen lasse.

Kaum halte ich noch Erinnerungen an diesen Traum,

obwohl er sich gerade zeitlich so nah ereignet hat,

aber die Leidenschaften, Frustrationen, Sehnsüchte,

Schmerzen und Wünsche, meine irre Suche nach Dir,

die Schläge der Gesichtsstöße in den Sackgassen des Lebens,

mit seinen vielen verschlängelten Wegen, Fallen und Umwegen,

brennen noch in meiner Seele wie vor kurzem in meinem Leibesherzen.

 

Ich bitte Dich um Deine Umarmung,

wie von einem Vater bei der Rückkehr Seines Sohnes

nach langen Jahren des Nichtwissens,

ob er zurückkäme, ob er überhaupt lebe...

...drücke mich an Dein Herz

trotz meiner vielen Fehler

und lindere mir dabei dieses Brennen!

 

Mein Gewissen schreit vor Schmerzen,

die ich bei dem unvorsichtigen Entwurf von Flußbetten

für meinen Strom leidenschaftlicher Sehnsucht

auf der Suche nach menschlicher Liebeserwiderung,

anderen Lebewesen unwissend zugefügt habe.


 

 

 

Es war die Suche nach Dir,

ohne immer präsent zu haben,

daß Du selbst es warst, der hier gemeint war,

eher als der äußere menschlichreizende verwirrende Ausdruck von Dir.

So habe ich Dir vielmals schmerzlich in Dein Herz gestochen

― dasselbe Herz, bei dem ich jetzt in Deinem Angesicht

 Zuflucht suche ―

bei jedem Wesen, dem ich aus meiner männlichen Liebe heraus

mein Herz geöffnet habe, unwissend, dabei

ganz treu und ehrlich beständig zu bleiben.

 

Wenn ich zu diesem Traum zurückkehren muß,

bitte ich Dich diesmal um Deine Gnade,

fähig zu sein, diese Sehnsucht bereits bei der ersten

menschlichen Liebe, die sich in meinem Herzen entfaltet

zur Sättigung und zur ständigen Wiederbelebung,

aufrecht mit Deinem Segen für immer beständig

halten zu können, um diesen neuen Traum

diesmal glücklich, überglücklich beim Erwachen

zu Deinen Füßen darreichen zu können.


Rückkehr

 

 

 

 

 

 

An deinen Rücken mich zu lehnen,

deinem Herzen zu lauschen,

als ob ein zweites Herz hinter mir

mein Blut beschleunigte und aufwärmte...

 

Danach sehne ich mich,

nach dieser Rückkehr zu dir

und zugleich,

nach Vergessen:

In deinen Armen Zuflucht zu nehmen,

mich zu entspannen und diese lange Zeit zu löschen,

die vergehen müssen wird,

bis der richtige Zeitpunkt ausbricht,

dieser heilige Wendepunkt

der Rückfahrt zu dir.

 


Gebetsmarathon

 

 

 

 

 

Meine Sitzungen in Osnabrück...

Waren sie in Lengerich? ― oder in Langerich?

Sie waren so lange,

so lange die Stunden dieser langen Tage!

Ich wußte nicht, was Tag, was Nacht war,

von früh morgens an bis spät abends,

ohne Pause, ohne Essen, ohne Luft, im Gebet;

ohne dich, ohne mich ¾ wo waren wir so abwesend?

Habe ich noch einen Marathon überlebt?

Oder bin ich diesmal da geblieben,

aus meiner inneren Kletterwand

abgestürzt und zerstreut in kleinste Splitter

zu Füßen des geistigen Bergs danieder liegend?


Ich suche meine Gedanken, meine Gefühle,

meine Erinnerungen meiner selbst,

meine Erinnerungen an mein Leben,

wie jemand, der nach vielen Jahren im Exil

in die Heimat zurückkehrt,

aber in einer anderen Zeit landet

und sich selbst dabei als fremd entdeckt.

(Habe ich aber eigenes Leben überhaupt

um „von meinem Leben“ zu sprechen?)

 

Ich muß mich zuerst wieder aufbauen,

um zu fühlen ob ich noch lebe

― und dazu wäre so treffend

in einer Kirche neue Kräfte zu sammeln,

in ihrem Altar betend mich als Mönch

zugleich als Mann, wieder zu erkennen!

 

Ich dachte schon so oft,

nach jedem Gebetsmarathon,

„nie wieder“ ― wie damals beim Absteigen

eines erkletterten Sechstausenders ―

„ich halte so ein Leben nicht mehr aus“.

Und kurze Zeit danach,

stehe ich schon vor einer neuen immensen Bergwand:

Die neue Terminliste der nächsten Woche,

ohne einen Tag um zum Menschsein zurückzukommen,

von morgens bis spät abends voll eingeplant

― und die Pause dabei um etwas zu essen

oder zu schlafen auch schon wieder vergessen!


Renaissance

 

 

Der Tag kam zum Ende bevor ich eben zu mir selbst

wieder kommen konnte.

Ein Wochenende mehr, hinter mir gelassen,

ließ mich noch einmal ohne Wochenende,

zurück in der Zeit, verzögert,

solo,

aber als Belohnung

mit einem Wochenende weniger vor mir gelagert,

bis zum Moment meiner letzten Reise,

dem Tod, diesem ersehnten Feierabend!

 

Sonntag abends.

Abends dieses Sonndertages voller Wahn!

Ich war in dieser und jener Stadt,

voll unterbrochen in meinem eigenen Dasein

trotz eifriger Tätigkeit!

Und war ich in Wirklichkeit auch nicht ganz da

Und doch glaubte ich daran, in dir die ganze Zeit

gewesen zu sein: in deinem Herzen.

Da fühlte ich mich daheim!

Wo hast du mich heute herumgetragen,

wie ein Baby in den Armen hin und her gebracht?


 

 

 

 

 

Denn ich fühlte mich in meinem Tageswahn

wie ein Kind in der Wiege deiner Träume

wie, noch genauer gesagt, ein Sproß

in dem Altar deines Mutterleibs,

der langsam keimt,

der langsam träumt,

nämlich alle deine Träume, nach,

bis sehr spät in der Nacht

und noch ohne Worte dich anschaut und fragt:

„wo blieb heute Papa, der nicht kam?“

Und wenn ich irgendwann

auf der Autobahn sterben soll,

wirst du in dieser Nacht davon geträumt haben,

daß ein Engel zu dir wie ein Vogel kam

und einen Samen in deinem Schoß versteckt zurückgelassen hat,

aus dem, mit deinen Tränen gegossen,

tatsächlich ein Sproß wachsen wird.

Eben, mit meinem neuen Namen,

nämlich, dem deines Sohns.


Gebetsunfall

 

 

 

 

Gestern Nacht ging ich schlafen.

Im Bett schloß ich die Augen

mit dem Gedanken,

„Oh, mein Herr!, wie wäre es,

wenn ich sie nicht mehr öffnete?

Ich bitte Dich, erlaube mir bereits zu sterben!“

 

Ja, du weißt schon besser Bescheid,

― wenn ich dir dies heute erzählen kann,

ist es deshalb, weil ich dabei scheiterte.

Ich habe trotzdem einen merkwürdigen Traum

in dieser Nacht gehabt:

 

Ich war beim Autofahren alleine

auf einer leeren Autobahn,

in tiefer dunkler Nacht.

Plötzlich ein Stromausfall.

Die Lichter gingen aus

und bald wurde der Motor still,


 

 

 

 

 

 

Das Auto rollte irgendwohin weiter.

Und ich fühlte, daß ich es jetzt verlasse.

Langsam löschte sich meine Atmung aus...

Allmählich sah ich die Erde wie aus einem Raumschiff.

Ich betrachtete diese blaue Kugel erstaunt,

dabei nahm ich das Auto als meinen Körper,

den Motor als mein Herz wahr!

...und ich merkte überrascht: mein Körper!,

den verlasse ich jetzt endlich auf einmal!

Ein letzter Gedanke holte mich mit offenen Augen ein:

Wenn das Auto jetzt alleine weiter rollen würde,

wem könnte es schaden beim Zusammenprall?


Anrufung

Deinen Worten zuzuhören,

in deiner Stimme zu baden,

schenkt mir die Kraft,

die ich für den nächsten Tag benötige;

gibt mir den Trost, den ich so nötig habe,

um diese Nacht mit allen ihren Träumen

zu bewältigen.

 

Wenn ich dich heute Nacht anrufe,

sei es telefonisch oder geistig,

ist es nicht deshalb,

weil ich dir etwas zu sagen habe,

sondern,

wie meistens meine an Gott gerichteten Gebete,

nicht um etwas Bestimmtes zu verlangen,

doch aber um deine Stimme zu empfangen!

 

Wenn ich dir einen Brief schreibe,

auf Papier oder nur in Gedanken,

dann nicht um dir Worte zu schreiben,

vielmehr

um dir Worte zu zeichnen,

nicht dazu gedacht,

um etwas zu sagen,

sondern noch mehr,

um dir Worte zu malen

und doch um dir zu zeigen,

wieviel die Worte verpassen!


 

 

Erinnerst du dich an das Meer,

auf dieser Insel, mitten im Ozean?

Wie viele Worte schenkte es uns am Strand,

ohne daß wir je eines verstanden haben,

ohne daß wir damals je gewußt hätten,

daß es uns mit seinen Worten anspräche?

 

Und doch schenkten wir ihm Aufmerksamkeit,

als es uns die Füße schleckte

und unseren Kuß dabei unterbrach,

nahmen wir seine mit Wellen gezeichneten Worte wahr,

mit Verehrung und Respekt,

wie in einer Vorlesung über Unendlichkeit

gehalten von Herrn Professor Immensität.

 

Wieviel von seinen Worten verstanden wir damals,

in seinem unfaßbaren Urdialekt, ewig wie es selbst?

 

Vielleicht schenkte es uns seine Predigt

eben nicht um angehört zu werden

― denn es wußte, daß wir nichts verstehen könnten ―

sondern um uns bei diesem Kuß einfach zu verspäten,

den es sich mit großen Wellen anschaute und schleckte.


Augendritt

 

 

 

Wenn ich die Augen schließe,

sehe ich dich da.

Wenn ich die Augen öffne,

nehme ich dich nicht mehr wahr.

Ich hatte immer gedacht,

um zu sehen solle man die Augen öffnen.

Nun weiß ich schon: das ist nicht immer wahr.

Man kann mit geschlossenen Augen sehen

und mit offenen Augen blind sein.

 

Bislang,

war ich zufrieden mit dieser Entdeckung

Heute, aber, fiel mir noch etwas weiteres auf.

Vielleicht habe ich noch ein zusätzliches Auge,

das sich heimlich voller Andacht spontan öffnet,

jedesmal, wenn ich an dich denke.

Ist dieses das sogenannte „dritte Auge“?

Und mußte ich so lange warten und erwarten,

um es schließlich so spontan zu entdecken,

zu aktivieren und einzusetzen?

 

Vor diesem Auge kannst du dich nicht mehr verstecken

― ja, dabei siehst du sogar nackt aus! ―

und um so weniger  mir etwas verbergen,

ich sehe nämlich auch das

― daß du mich auch lieb hast.


Wartungsgebet

 

Ich warte auf dich seit einem halben Jahr.

 

Falls es mir gelingen würde,

das ganze Jahr hindurch auf dich zu warten,

könnte ich auf dich insgesamt Eineinhalbjahre warten

― das ist damit bewiesen, daß ich heute,

nach einem halben Jahr, noch auf dich warte.

 

Würde mir es doch gelingen

Eineinhalbjahre auf dich zu warten,

wäre es sehr wahrscheinlich,

daß ich nach zwei Jahren immer noch auf dich warte.

 

Könnte ich auf dich zwei Jahre lang warten,

dann könnte ich es doch wohl sechs Jahre auch.

 

Und wenn ich auf dich sechs Jahre lang

warten könnte, dann wartete ich auf dich

das ganze Leben lang aus reiner Gewohnheit.

 

Geliebter Herr,

der heutige Tag ist vorüber.

Ich danke Dir für die Müdigkeit,

die mit Zwang meine Augen schließt

um mich in diese Nacht fallen zu lassen.

Ich sage Dir Dank!,

daß ich nun zumindest weiß,

daß ich schon einen Tag weniger

von dem Ganzen vor mir habe.


Wallfahrt

 

 

Ich krieche am Fuß des Lebens

wie ein Mönch auf seinem Pilgerpfad

in Richtung auf den ersehnten

heiligen Wallfahrtsort.

Ich zittere wie ein Kletterer

an der steilen Wand

oberhalb Tausend Meter

hohe Vertikale,

unter ungewiß langen Felsen,

die den ersehnten Gipfel verstecken,

unwissend,

ob die Kraft noch reicht,

um ihn zu erreichen,

um abzusteigen,

mit dem gezwungenen Glauben

sich am Leben festzuhalten.

 

Meine Wallfahrt zu dir

gleicht der Fahrt zu Gott

in Gestalt einer Kirche

― gleich einer Kapelle

im Wald des Lebens ―

versteckt,

ihrer Bescheidenheit wegen,

und empfindsamer Konstitution.


 

 

 

 

Ich habe keine Landkarte an der Hand

zu diesem heiligen kleinen Ort,

doch aber einen Rosenkranz:

Er dreht sich im Gebet in meiner Hand

jedesmal wenn ich entscheiden muß,

ob nach links oder nach rechts,

weiter nach oben oder einfach da,

wo die Nacht mich entdeckt,

rezitiere ich deinen Namen

bis ich einschlafe mit diesem Wort.

Ich erwache jeden Morgen

(nicht selten in vergossenen Tränen, naß)

auf dieser Glaubensfahrt,

im feuchten Wald meiner Träume.

Auf dem Weg zu dir

habe ich keine Ehre, kein Zuhause,

kein Bett, kein s Hab und Gut.

weil ich alles verloren habe

als ich dich verlor.

 


Erfrierung

 

 

 

 

 

 

Wenn ich morgen sterben würde,

würde ich heute bei dir anklopfen

um dir zu sagen

wie lieb ich dich habe

und wieviel ich schweige.

 

Da ich entschieden habe

doch schon morgen zu sterben

aber dennoch den Körper zu bewahren,

klopfe ich heute an der Tür deines Herzens an

und mit Angst vor dem Unbekannten,

wie ein Kind,

warte ich ...

 

...Werde ich hier draußen ganz erfrieren

und auf diese Weise den Tod mich holen lassen,

bevor mein Brief, den ich hier draußen

mir selbst vorlese, in dein Herz gelangen möge?

 


VierDe

 

In der Kunst des Wartens

gibt es einige Geheimnisse,

die ich dir nun verrate.

Das Erste ist die Treue,

die Absicht zum Warten.

Dies verkürzt das Dauern

dieses langen Wartens.

(Dies kannst du dir merken

als das bekannte „4-D-Geheimnis“).

Von allen Künsten ist diese vielleicht die einzige

mit einem unerträglich ausgedehnten Merkmal:

Man kann nie erahnen,

wie lange es noch dauert,

bis man das Werk vollendet hat.

 

Das Zweite ist das Schweigen.

(Laß es niemand merken,

daß du auf jemanden wartest.

Tue so, als ob es dich interessiere

das, womit du dich beschäftigst,

nur um dieses Verweilen im Warten

zu ertragen).

 

Und dies läßt mich jetzt erinnern,

bevor ich zum Dritten übergehe:

Schweigen ist eben nun angebracht.


Epiloggebet

 

 


Geliebter Herr,

 

Du kennst meinen Werdegang,

diese irrtümliche Reihenfolge

von gescheiterten Schritten.

Du kennst meinen Lebenslauf

und alle gezeichneten Mäander

meines geschlängelten Weges

zu Dir.

 

Erahnen kann ich nicht die Wege,

nur mein Ziel: Du ―die Liebe.

Eine Ahnung von dem, was ich suche,

motiviert meinen weiteren Müßiggang:

Die Anlehnung an das Glücksgefühl,

geliebt zu werden und lieben zu können:

Wie ein kleines Kind

von seiner Mutter gestillt,

wie ein großer Junge

mit seiner Geliebten in den Armen,

wie ein liebendes Mädchen,

sich öffnend für ihre erste Liebe.

 

Der Weg dahin,

ist mir rätselhaft.

Sogar verwirrend,

manchmal paradox.

 

 

 

 

 

 

 

Es gibt Momente,

in denen ich nicht mehr weiß,

ob mein nächster Schritt

mich nach rechts

oder nach links bringt,

unwissend, was vorwärts,

was rückwärts ist.

 

Ich weiß nur:

Hier kann ich nicht stehen bleiben.

Der Fluß des Lebens treibt mich.

Nur, ich selbst weiß nicht,

in welche Richtung er fließt.

Aus meinem Empfinden heraus,

bin ich der,

der in jedem Moment

eine Entscheidung treffen muß:

den nächsten Schritt,

die nächste Stufe,

muß ich selbst bestimmen,

als ob ich die Freiheit hätte,

Bestimmungen zu entwerfen!

 

 

 

 

 

Ich fühle mich gescheitert genug:

An jedem Wendepunkt meines Lebens

konnte ich nie eine Entscheidung treffen,

die zu meinen Gunsten gewesen wäre.

Vielmehr fühlte ich mich gezwungen,

zu entscheiden gegen den eigenen Willen,

gegen mein Herz und Gefühl...

gegen mich selbst.

 

Gezwungen von dem Glauben,

gezwungen zu werden,

verlor ich mich in Irrgärten

widersprüchlicher Gefühle.

Dabei mußte ich,

nach jeder falschen Entscheidung,

ihr Falschsein erst dann erkennen,

einmal verloren in Labyrinthen

der Umstände des Momentes.

Sackgassen des Lebens,

in welchen ich mich noch bis heute

blockiert geblieben entdecke.

 

Ich habe dadurch gelernt,

Angst davor zu haben,

Entscheidungen zu treffen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich konnte nie

richtige Entscheidungen treffen;

Ich wußte vielmehr, wie man von Entscheidungen

getroffen wird

― wie an der Front der Krieger

von den Kanonenkugeln

am Herzen getroffen fällt.

 

Ich bitte Dich diesmal:

Nimm mich an der Hand,

Führe meine nächste Bewegung,

entscheide Du meinen nächsten Schritt,

denn mein Körper ist Dein!

 

Ich bin Dein großes Baby,

das noch nie laufen gelernt hat:

Es stolpert,

angezogen von jedem Reiz,

der vor seinen Augen erscheint.

Begleite mich wie ein Vater diesmal

und bringe mir das rechte Laufen bei!



 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

...zu dem AllEinSein

eines Mönches.

 


 

 


Anlehnungszeit

 

Es ist Zeit

sich anzulehnen

an den Stuhl des eigenen Lebens,

vor dem offenem Fenster des Gedächtnisses.

 

Meine Zeit ist vorüber

― die, der Wartezeit.

Ich habe schon so lange

durch unsinnige Handlungen gewartet.

Voller Tätigkeit rannte ich in alle Richtungen hin,

nur um zu entdecken, daß du doch immer dabei bist,

in meinen Gefühlen, Gedanken, Worten und Gesten.

 

Ich wartete damals, ohne zu wissen,

daß ich auf das Glücksgefühl der Liebe wartete,

doch dies der menschlichen Liebe erwartete

― die,

die andächtig leidenschaftliche Liebe,

die,

mit Hunger und Geschmack nach Leben,

die,

mit Geruch nach Erde mit Ernte,

die, obwohl vergänglich,

doch augenblicklich ewig,

wie deine duftende intime Blume...


 

 

 

Ich habe diesen Duft in dem Geruch

der Erde nach dem Herbstsregen,

die noch die Erinnerung des Sommers trug,

in meinen alleinigen Waldgängen gesucht.

Dabei hat die Qual meines Gedächtnisses

den trockenen Weg meines Mönchwerdens

mit Tränen wie Sommerregen überflutet.

 

 

Meine Zeit ist nun erschlossen,

denn ich habe diese Liebe gefunden

und verloren,

aus Händen,

die ich als eigene erkannt haben müsste,

die ich selbst geöffnet habe

― deshalb darf ich mich nicht beklagen.

 

Doch mein Schmerz ist so gewaltig,

daß ich nichts übrig in der Hand habe,

als mich anzulehnen vor der offenen Tür

zum Tode...


Himmelfahrt

 

 

 

 

Woher kommt der Wind?

Was treibt er hin und her?

Was macht ihn eigenwillig windig,

und plötzlich unerhört still?

Warum weht er vehement,

als ob er immer verspätet

zum Ziel strebte?

Reitet er auf Wolken

wie auf Stutenrücken

oder wie auf wilden Hengsten?

 

Varuna ist sein Name,

habe ich gehört

und aus seinem Ruf aus dem Rig Veda

entnehme ich, er sei ein geweihter Held,

wie ein edler Märchenritter auf dem Pferd,

der mit dem Schwerte im Himmel neue Auswege

uns allen im Schlachtfeld dieses Erdenlebens öffnet.


Luftpost

 

Gestern fasste ich alle meine Schreiben zusammen,

und band die Papiere zu einem kleinem Buch.

Ich verpackte es, gegen Regen, Wind, Sturm und Blitz,

richtig geschützt, und kaufte einen Luftballon dazu.

 

Ich fügte noch ein leeres Blatt mit einem Stift hinzu,

mit der Bitte, mögest du mir aufschreiben: wo und wie

ich dich treffe, deinen Namen und sonstigen Wunsch.

 

Ich füllte den Ballon mit leichtem Helium, ganz voll.

Den Abflugtag, die Uhrzeit mit Minutenpräzision,

mußte ich mit astrologischer Genauigkeit einschätzen.

 

Gebunden mit einer silbernen Schnur

flog meine Post direkt zum Himmel

wie eine Rakete in Gott Varunas Hände.

 

Das Begleitgebet an die Himmelsengel

ähnelte einem Requiem im Momente

der Verabschiedung einer Seele,

weiß man nicht, zu welchen unbekannten Welten.

 

 

Nun bleibe ich wieder allein in der Einsamkeit,

um meine neue Dummheit tiefer zu betrachten.

Ob ich einen Absendernamen geschrieben habe?


Omen

 

 

 

Ich lief unaufmerksam durch den Garten.

Plötzlich, auf seinem Pfad zum Himmel

wollte ein Vogel einen Abstecher wagen,

und fiel in Versuchung auf meiner Brust zu landen.

 

Er selbst fühlte sich noch dazu eingeladen,

sich in meinem Herzen einzunisten und dazubleiben

― ohne daß ich selbst etwas davon erfahren hatte.

 

Als ich ihn entdeckte,

fragte ich ihn vergeblich:

Was machst du hier?

Wo kommst du her?

Was für eine Botschaft bringst du mir?

― aber er reagierte nicht und blieb in mir

mit einer solchen Selbstverständlichkeit,

daß ich letztendlich mich selbst fragen sollte:

Was mache ich hier?

Wo komme ich selbst her?

Was für ein Omen wächst in meinem Herzen?

Und von wem erhielt ich die Ehre

plötzlich sein Baum zu werden?


Flußkriech

 

 

 

 

 

 

Ich gehe dahin,

wo die Spontaneität des Lebens mich hinführt;

wie ein Fluß,

der einfach dahin fließt,

wo sein Flußbett hinführt,

wo es immer niedriger wird,

wo er an Einfachheit gewinnt,

da er spontan mit Freiheitsgefühl

sich bei einem Hindernis nicht anzustrengen versucht;

wie eine Katze schleicht er einfach vorbei, herum.

Er verkörpert die Gelassenheit und erweist Geduld.

Obwohl das Hindernis so groß wie ein Berg aussieht,

sieht er sich selbst nie aussichtslos oder deprimiert,

weil es ihm immer gelingt die andere Seite zu erreichen,

sei es ein sanfter Hügel oder ein imposantes Massiv.

 

Und so fließt er immer treu zu seinem Ziel:

der Verschmelzung mit dem Meer,

der Auflösung seiner selbst.


 

 

 

 

 

Trotz so vieler Gefahren auf dem langen Wasserweg:

Rohre, wo er sich vorübergehend eingekerkert fühlte,

aus denen er unter Druck immer zu entfliehen wußte;

Mäander, die einluden in Irrgärten sich zu verlaufen;

Seen, in denen er angestaut lange aushalten mußte;

Wasserfälle, wo er sich endlich beeilen konnte...

macht er sich keine Sorgen und vertrauensvoll befolgt er

das zugeschriebene Schicksal seines eigenen Flußbetts.

 

Und wenn es ihn in die Sackgasse einer Wüste,

wo er ausgetrocknet sterben könnte, führte?

― fragst du dich. Dann zeige ich dir diese Wolke,

die, die in Richtung zum Meer hin der Wind beschleunigt:

Sie ist auch einmal ein Fluß oder ein Teil von ihm gewesen.

Du bedauerst den Verlust von ihm als laufendes (fließendes?) Gewässer.

Er aber erfreut sich, sich als Himmelswolke zu erkennen

und nicht weiter als eine Schlange auf Erden bettelnd.

Und zwar kriecht er nicht mehr, fliegt nun zum Meer

und erreicht sein Ziel als Regen auf dem Ozean

― ja, wesentlich schneller.

 


Begegnung

 

Als ich dich zum ersten Mal im Garten sah,

wußte ich nicht, was das für mich bedeutete.

 

Als ich dir zum zweiten Mal begegnete,

wußte ich, ich möchte in deiner Gegenwart,

wie ein Kind, so lange wie möglich verweilen.

 

Als ich dich zum dritten Mal betrachtete,

war es mir vom Gefühl klar, aber nicht vom Verstand,

daß ich auf dich so lange gewartet hatte.

 

Als ich dich endlich bei mir empfangen habe,

spürte ich, dir gegenüber, alle Körperzellen

wie Sonnenblumen, die sich dir öffneten.

 

Ich erforschte dieses glückliche Schicksal,

doch zum Glück in meinem eigenen Leibe,

nämlich, meinen Körper wie einen Choral

von unzähligen Mündern, die sich öffneten

um alle gleichzeitig einen Ton ertönen zu lassen,

nur aber um dir einen Kuß darzureichen.

 

Ich staunte nur, dieses Gefühl zum ersten Mal zu erleben.

Was bedeutet dies, dieses Aufblühen meines ganzen Körpers?


Ich suchte jede Gelegenheit, selbstverständlich ohne Verstand,

versuchte ich von nun an, einfach an deine Seite zu gelangen,

wo ich mich wie eine Blume in trockener Wüste des Lebens erkannte.

Was für ein Duft entstand da unter uns zweien?

Würde ich ihm einen Namen erteilen,

müßte ich ihn als Harmonischer Frieden bezeichnen.

 

Ich verstand es nicht, so zart zu sein,

wie ich es plötzlich mit dir war.

Ich verstand es nicht, so lieb zu sein,

wie ich selbst plötzlich Liebe war.

Ich wußte nicht, daß dieser Duft, diese Zärtlichkeit,

diese Liebe, der Kern aller meiner Zellen war.

Ich wußte nicht, daß diese Wörter, Harmonie und Frieden,

für die Entfaltung der Liebesfähigkeit eines Mannes standen.

 

Dieses Ereignis brachte mein Wörterbuch der Gefühle,

das ich im Verlauf meines Lebens als Hobby entworfen habe,

ganz durcheinander, ähnlich jemandem, der eine Fremdsprache lernt,

und irgendwann das entsprechende Land besucht, ohne zu verstehen,

daß niemand hier so redet, wie es in den Büchern steht,

sondern im Dialekt!

 

Ich gab dir den Schlüssel zu meinem Herzen,

mit der Bitte, du mögest zu jeder Zeit hereintreten.

Ich möchte keine Anmeldung, doch aber dieses Herzrasen,

wenn alle meine Zellen sich öffnen, und ich dann weiß, du bist da.


Prema

 


 

 

Weißt du eigentlich,

was du in mir berührst hast?,

was du in mir hast auslösen lassen?

Weiß ich eigentlich,

was in mir getroffen wurde?

was in meinem Herzen entdeckt worden sei?

Es gäbe doch ein Wort um dies zu bezeichnen,

ein universal intimes Wort,

das für mich wie neu erscheint,

nämlich ein neues Wort,

kein gewöhnliches Wort

im Wörterbuch versteckt,

sondern etwas Heiliges

wie ein persönliches Mantra,

das nicht nur durch Bedeutung,

nicht nur als Klang oder Geschmack,

nicht nur als Gedanke zu bewerten sei.

Vielmehr als Extasegefühl

des ersten Kontaktes mit Gott,

der dieses Mantra erweckt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Und dieses Wort heißt,

verrate ich nun, nur dir allein,...

Halt ! ― es ist etwas so unglaublich Heiliges !

Es darf nicht ausgesprochen werden,

mitten im Lärm des Tageswahns.

Warte auf die Stille dieser Nacht.

 


 


Erscheinung

 

 

Wie kann die Zeit sich plötzlich so umräumen,

daß ich immer Zeit zu denken erschaffe,

an dein Dasein in meinen letzten Träumen?

 

Was für einen Wind, in solchen Momenten,

bläst in die Segel meiner Seele

zum turbulenten Meer des Lebens?

 

Woher kommt diese Antriebskraft,

die mich ständig daran zu denken treibt,

ob du mir im Traum von heute Nacht

noch einmal begegnen wollen wirst?

 

Ich weiß von dir so wenig, kenne ich deinen Namen?

In welcher Form darf ich dir Gestalt geben?,

als Bild?,  als Klang?

Ich brauche etwas Konkreteres um mir dich

vorzustellen; wie soll ich dich nennen,

während dieses langen Tageswahnes?

 

Ich vermute schon allmählich woher ich dich kenne,

― wage aber noch nicht weiteres zu sagen;

deine Erscheinung in meinen Nächten ist der Segen

für meine Tage, so bewahre ich dich wohl ohne Namen.

Dein Bild aber hat mich tief im Herzen getroffen.

Obwohl unklar, habe ich es zum Glück im Gedächtnis.

Erlaube mir, es bitte mindestens so verschwommen

im Schatz meiner Träume noch heimlich zu bewahren.


 

Umwandlung

 

 

 

Was hast du mit mir gemacht?

Ich finde mich selbst nicht mehr da,

wo ich mich gewöhnlich in der Zeit,

im Raum, gefunden und eingelebt hab’.

 

Was hast du mit und in mir herumgetan?

Wo bin ich gelandet, in einem Märchenland?,

als ich dir begegnete, hier zum ersten Mal !

 

Seitdem schaffe ich es nicht weiter,

jenseits dieses geistigen Bereiches,

der heißt, dich ständig in Gedanken

überall präsent zu haben, fortzuschreiten.

 

Hast du mich innerlich doch umgewandelt?

Als Fee mich bezaubert oder verzaubert?

Zu wem hast du mich gemacht?

Ich fühle mich nun wie ein Mönch,

der als Mann zum ersten Mal

Gott in Gestalt einer Frau entdeckt hat.

Und die Augen reichen nicht mehr aus,

alles zu beobachten: das Himmelreich,

ist endlich auf der Erde gelandet!


 

 

 

Langsam kann ich mir deinen Zauber merken,

was du in mir auslöstest ist übermenschlich.

 

Es wurde mir zum ersten Mal klar,

daß ein Knoten erwürgend in meinem Inneren war

― gestrickt in der Vergangenheit vielleicht?

Verstrickungen gescheiterter Liebelei?

Auf jeden Fall entstanden und  nun entdeckt

hast du es zugleich in mir aufgelöst.

 

Ich atme wieder tief und frei

und wundere mich, dabei

wie das Ganze so lange dauern mußte,

bis ich wieder frei zu atmen fähig wurde

und ich endlich in mir merkte, daß auch mein Herz,

bis zu diesem Moment kaum atmen konnte.

 

Es hat wieder das Atmen gewonnen.

Ich fühle jetzt, es schlägt und tanzt,

bezaubert meinen Alltag und läßt mich fallen

jenseits von Raum und Zeit.


Eden

 

Eine Frau,

für einen Mönch,

ist wie eine Blume in Gottesgarten.

Er darf sie unaufmerksam beobachten,

ja sogar mit Abstand ihren Duft erforschen.

Er darf vielleicht, wenn die Zeit schon reift,

ihre zarten Blätter streicheln,

ohne ihr Angst dabei zu machen.

 

Was ein Mönch auf keinen Fall wagen darf,

wäre sie für sich plötzlich wegzupflücken.

 

Es kann wohl sein, du glaubst, es wäre hier schon für ihn so weit!,

daß diese lange Annäherungszeit ihn vollkommen überwältigt hat.

In Wirklichkeit, hat er vielleicht diese ersten Stufen verpaßt:

Sie richtig und genau zu beobachten, zu riechen und zu erforschen.

 

Wieviel Zeit hat er eingebracht,

wie tief hat er all dies genossen?

 

Wundert es dich dann wenn sie bereits in seiner Hand,

beginnt ihre Flügel zu schließen, zu ersticken, zu verdursten?

Hatte sie Zeit genug für die Entfaltung ihres Pollens?

Oder löscht er ihr ihren Duft, das Wesen einer Blume?


Liebesziehungen

 

 

Die Liebesbeziehungen eines Mönches bestehen aus Briefen,

wie der Himmel besteht aus Wolken.

Du meinst, der Himmel als Leinwand einer einwandfreien Sonne

erweist seine Reinheit durch reines Blau.

Aber was für ein Trauriger würde dein Haupt bergen,

wenn er keinen weißen Flecken frei zu segeln erlaubt?

 

So wie der Blaue Himmel nicht nur aus Sonne besteht

sondern auch aus Mond, Kometen und Sternen,

bestehen die Beziehungen eines Mönches

nicht nur aus Papierbergen zur Sättigung des Feuers,

sondern eher noch aus Träumen schlafloser Nächte.

 

Du denkst, die Perfektion in der Kunst des Mönchwerdens,

bestünde aus unermüdlichen Wachgebeten,

die kein Gefühl für seinen Körper genehmigten.

Ist sein Herz aber nicht im selben Körper eingebracht?

Denkst du auch, die Vollkommenheit des Himmels in der Nacht

sei nach perfekter Dunkelheit zu bewerten?

Was für ein trauriges Leben für Poeten,

die keinen Mond anzusprechen hätten!,

für Astronomen, mit zwecklosen Teleskopen;

für Astrologen, ohne Gestirne zu berechnen!


Treue

 

 

Die Stärke eines Mönches ist die Treue

seiner Beziehung zu dem Göttlichen.

Er darf keine anderen Träume pflegen,

die ihn auf seinem Weg zur Verschmelzung

mit der Urquelle ablenken könnten.

 

Er soll aber klug genug und ständig wach sein, denn

es kann sein, daß Er in einer anderen Gestalt erscheint,

als der, die er als Mönch sich hätte vorstellen können.

 

Wachsam wie ein Krieger auf dem Schlachtfeld des Lebens,

darf er nicht verschlafen, muß ständig wachen,

und willig für jeden Einsatzt bereit sein.

 

So ist es auch im Kloster, Schlachtfeld der Seele,

für diejenigen, die sich als Auserwählte erkannten,

die Ehre zu erwerben, in jedem Moment ihr Leben

aus reinem Herzen dem Herrn zum Opfer hinzugeben.

 

Diese Ehre der Ehe mit dem Göttlichen

ist nicht weniger bewegt

als die Ehe mit dem Menschlichen.


Sie sind nicht als Soldaten auf der Leinwand zu betrachten,

nicht als Helden auf der Bühne zum Spaß der Zuschauer.

Auch solche Krieger ertragen Demütigung und Schmerzen,

Ängste, Frustrationen und scheitern aufrecht zu bleiben,

entsprechend dieser hohen Ehre, als Mönch anerkannt zu werden.

 

So wie die Narben Aufzeichnungen in der Haut des Feldherrn sind,

sind die Tränen Auszeichnungen in der Seele eines Mönches.

 

Und mit dieser Einführung laß mich jetzt erklären,

warum ein treuer Mönch, nicht dadurch zu bewerten wäre,

auf Dauer frei von Fallen in Versuchungen zu bleiben.

Wie ein Krieger, ist er trotzdem nicht zu entwerten,

wenn du ihn im Herzen getroffen,

gefallen auf dem Feld entdecktest.

Wichtig ist die Treue zu den Idealen, wofür sie kämpfen.

Nämlich etwas Erhabenes zu erreichen, sei es ein Reich,

sei es etwas Abstrakteres, wie der Bergriff von Gott,

so fremd, so oft, so groß, so weit, so nah.

 

Und genau so bin ich dabei zu fallen, getroffen im Herzen,

von diesem Pfeil der Liebe in Gestalt einer schönen Dame.

Wie kann ich dies alles vereinbaren?

 

Mögen wir vielleicht meine Träume so betrachten:

Es könnte Gott in Seiner Weiblichkeit erscheinen,

die gerade meine kluge Treue zur Göttlichkeit,

in Gestalt des Ewigweiblichen, zur Prüfung brachte?


Heilmesse

 

 

Vergessene Kerze, brennend im Altar,

in einer geschlossenen Kirche allein,

wacht sie einsam, still und nackt.

 

Der Priester erwacht auf ihren Ruf hin.

Mit rasendem Herz in seinem Traum

fühlt er sich schleichend hingezogen

zu dieser kleinen Kapelle mit dem Aussehen einer Kathedrale

und brennendem Feuer in ihrem Mutterleibaltar:

Brennendes Licht, das sie zum Gottesdienst bereit erklärt.

 

Die Kirchenarchitektur in der Intimität der dunklen Nacht

enthüllt eine sinnliche Schönheit, verborgen während des Tages.

Der Priester läuft langsam und allein, voller Andacht durch den Heiligengang

und beugt sich ehrfurchtsvoll vor der Heiligkeit des Göttlichen Altars.

 

Aus dem Himmel fühlen sich die Engel angerufen zu diesem urtümlichen Ritual.

 

Am höchsten Punkt des Gottesdienstes,

erhebt er den entdeckten Kelch zum Himmel.


Es ist der Moment des Magnifikats, in dem

der heilige Saft dargereicht

aber nicht getrunken wird:

Kaum die Lippen benetzen

lautet das Gesetz

des Heiligengrals.

 

 

Du!,

Zaubertrank,

der den berauscht,

der einfach riecht,

im heiligen Gottesdienst!